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© César Martínez López

Nach verschwundenen Frauen sucht niemand

(Mexiko-Stadt/Veracruz, 04. April 2017, cimac). Sie und er verschwanden am gleichen Tag. Nach ihm wird gesucht, nach ihr nicht. Als die Mutter die Vermisstenanzeige bei der Staatsanwaltschaft aufgibt, wird ihr gesagt, ihre Tochter sei bestimmt „absichtlich abgehauen“. Die Familie will nicht, dass die Vermisstenanzeige gesehen wird. Sie hat Angst davor, was die Leute sagen werden. Diese Situation gibt es häufig, wenn es sich um vermisste Frauen handelt – zwar wurden sie offenbar Opfer eines Verbrechens, werden aber durch ihre Familie, die Staatsanwaltschaft oder die Gesellschaft diffamiert anstatt gesucht.

„Wozu sollte man sie suchen, es ist eine Frau“

“Von 100 verschwundenen Männern werden 30 gesucht, von 50 Frauen eine”, erklärt Lucía de los Ángeles Díaz Genao. Sie ist Mitglied im „Colectivo Solecito de Veracruz“, einer Vereinigung von Müttern vermisster Personen im Mexikanischen Bundesstaat Veracruz. „Dass eine Frau gesucht wird, kommt viel seltener vor. ‚Wozu sollte man sie suchen, es ist eine Frau‘, sagen die Leute“.

Im „Colectivo Solecito de Veracruz“ suchen Mütter nach ihren vermissten Söhnen. Oft seien diese zusammen mit ihren Ehefrauen, Freundinnen oder Bekannten verschwunden, doch nach den Frauen suche niemand, sagt Díaz Genao. Sogar wenn das Colectivo anbietet, Plakate mit Vermisstenanzeigen anzubringen oder ihre Namen zu veröffentlichen, lehnten dies einige Familienmitglieder ab. Sie befürchten, die Frauen könnten freiwillig weggegangen sein, selbst wenn es eindeutige, gegensätzliche Anzeichen gibt. „Sie möchten nicht, dass wir Flugblätter verteilen oder veröffentlichen. Klar, viele Eltern suchen trotzdem nach ihren Töchtern, (…) oft schämen sie sich dann aber oder zweifeln selbst an deren Verschwinden“, erklärt Díaz Genao.

Häufig wird behauptet, die Frauen seien “mit ihren Männern durchgebrannt”. So auch von der Staatsanwaltschaft, die eigentlich nach den Frauen fahnden sollte, ihr Verschwinden aber oft gegenüber den Familien herunterspielt. “Die Frauen werden sofort kriminalisiert oder diffamiert. Wenn Angehörige Vermisstenanzeigen aufhängen, wird ihnen gesagt, ‘wozu suchen Sie sie, bestimmt ist sie mit ihrem Freund abgehauen’. Obwohl dies in den meisten Fällen nicht stimmt“, erklärt Díaz Genao.

Behörden werten die Opfer ab

Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden 71 Frauen und Mädchen auf der Webseite der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaats Veracruz als vermisst gemeldet. Sowohl Díaz Genao vom „Colectivo Solecito de Veracruz“ als auch Aracely Salcedo von den “Familias de Desaparecidos Córdoba – Orizaba” sind sich einig, dass die Behörde versucht, das Verschwinden der Frauen zu klein zu reden und die Suche nach Ihnen zu unterbinden. “Ihre Tochter ist hübsch, genau die Art von Frau, die den Kriminellen gefällt”, musste sich Salcedo von denjenigen anhören, die eigentlich die Suche ihrer Tochter Fernanda Rubí zu verantworten hätten, als diese 2012 verschwand.

„Die Behörden verharmlosen die Situation, weil es sich um eine Frau handelt (…). Das wahre Ausmaß des Problems ist schwer vorstellbar“, erklärt sie. Die Untätigkeit der Behörden führte dazu, dass sich Salcedo juristisch zur Wehr setzte und mit ihren eigenen Mitteln zu suchen begann sowie andere dabei unterstützte.

Stigmatisierung macht verschwundene Frauen ein zweites Mal zu Opfern

Dies ist jedoch nicht immer so. In einigen Fällen schrecken die Betroffenen vor der Suche zurück, wenn ihnen bewusst wird, wie mühsam dieser Prozess ist, oder weil sie den Behörden glauben. “Die Familien selbst sind es, die wegen der Stigmatisierung eher den Behörden Glauben schenken als ihren eigenen Töchtern”, bedauerte Díaz Genao.

Auch Angst spielt – in vielen Fällen vermisster Frauen – eine Rolle, so Díaz Genao. Vor allem dann, wenn die vielen Familien Anzeichen dafür bemerken, dass organisierte Kriminalität oder Menschenhandel im Spiel sind. Das Kollektiv etwa habe acht Frauen finden können, von denen einige Opfer von Menschenhandel geworden waren und sexuell ausgebeutet wurden.

Zusätzlich zur Angst vor der organisierten Kriminalität, der Stigmatisierung und der Untätigkeit der Behörden, werden die verschwundenen Frauen so nochmals zu Opfern gemacht. Und zwar zu Opfern des Machismo, der verhindert, dass sie überhaupt gesucht werden.

 

Von Ana Alicia Osorio

Foto: © César Martínez López, cimac | Quelle: www.npla.de

 

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