Festival Latino

gegen das wasserkraftwerk in mexiko

Die Menschen am Fluss

(Mexiko-Stadt, 22. Februar 2018, La Jornada).- Am 16. Februar versammelten sich die Agrargemeinden des Landkreises San Felipe Usila im Bundesstaat Oaxaca. Aufgerufen von ihrem Bürgermeister lehnten sie einstimmig das regionale Wasserkraftprojekt des Unternehmens ENERSI Generación SA de CV ab. Das Unternehmen will sich, unter dem Vorwand erneuerbare Energie zu produzieren, die Wasserläufe der Flüsse Perfume, Santiago, Verde und Grande aneignen. Diese speisen den Usila-Fluss, der wiederum in den Papaloapan-Fluss mündet. ENERSI beabsichtigt im Rahmen der Stromproduktion eine Infrastruktur aufzubauen, die Deiche und Stauwerke, Druckrohre, Schleusen, Maschinenhäuser mit Turbinen und Speichertanks einschließt. Der Preis: die Zerstörung des Lebensraumes der Chinanteco-Bevölkerung, Eigentümerin des Landes und Ursprungsbesitzerin des Territoriums.

Die Chinantecos verfügen über umfangreiches Wissen, was das Territorium und seine Bewohner*innen angeht. Sie haben ihre eigene Weise, die Natur zu schützen. Deswegen beherbergt die Region La Chinantla nach dem lakandonische Urwald und dem Gebiet Chimalapas, den drittgrößten Regenwald Mexikos; und den am besten erhaltenen. Die Bäume können dort eine Höhe von bis zu 40 Metern erreichen. Zur Bewaldung gehören vielfältige Farne und Palmfarme, Orchideen und Bromeliengewächse. In den Höhenlagen von La Chinantla befinden sich Überreste des Nebelwaldes. Sie zeichnen sich durch biologische Vielfalt und endemische Flora und Fauna aus. In ihnen überleben Jaguare, Mazates (kleines Rehwild), Tapire und Fischotter.

Wasserkraftprojekt gefährdet Umwelt und die Menschen die darin leben

Für das Unternehmen stellen die Flüsse eine Gewinnmöglichkeit dar. Ein Geschäft mit Gütern und Ressourcen, die ihm nicht gehören und ihm nichts bedeuten. Für die Chinantecos dagegen sind die Flüsse essentieller Bestandteil ihres Lebens. Seit langem haben sie sie verteidigt, um deren Verschmutzung zu verhindern. Wird das Projekt genehmigt, ist ein verringerter Wasserfluss die Folge. Die Arten, die im Wasser leben, werden gefährdet sein. Die Staumauern, die das Vorhaben an verschiedenen Stellen der Flüsse beabsichtigt, werden Barrieren für Fische und Krustentiere darstellen und es beispielsweise den Forellen unmöglich machen, gegen die Strömung zu ihren Laichplätzen zu schwimmen.

Die Sprengstoffe, mit denen Hügel in die Luft gejagt oder Steine an den Flussufern beseitigt werden, werden den Rückzugsraum von Jaguaren und Fischottern, die beide unter Schutz stehen, zerstören. Das Anrücken schwerer Maschinen -wie Traktoren oder Raupenbagger, Bulldozer, Gesteinsbohrer, Schaufelgeräte, LKWs, Presslufthämmer, Stromgeneratoren- sowie das Eintreffen von Arbeiter*innen mit Lebensmitteln, Latrinen und Müll, wird einen drastischen Wechsel der Landschaft und des Lebens der Bewohner*innen nach sich ziehen. Der Lärm von 65 Dezibel, den das Bauvorhaben nach Unternehmensangaben produzieren würde, entspricht intensivem Stadtverkehr. Derzeit hört man im Landkreis die Flüsse rauschen.

 Freiwillige Naturschutzgebiete als Ausweg

Einrichtung und Betrieb des Wasserkraftwerkes gehen einher mit der Zerstörung des Regenwaldes. Aber die Chinantecos haben bewiesen, dass der Schutz ihres angestammten Territoriums eine Priorität für sie ist. Dafür haben sie ihre eigenen Normen sowie gemeindebasierte und regionale Abkommen genutzt. Außerdem haben sie die Einrichtung von freiwilligen Naturschutzgebieten eingeführt, eine Kategorie innerhalb der bundesstaatlichen Naturschutzgebiete. Die Gemeinden der Chinantecos, auf deren Gemeinbesitz das Projekt geplant ist, beschlossen freiwillig, einen bedeutenden Teil ihrer Böden dem Erhalt zu widmen. Sollte das Vorhaben bewilligt werden, wären die freiwilligen Naturschutzgebiete von San Pedro und Santiago Tlatepusco, San Antonio, Analco, San Antonio del Barrio und Cerro del Mirador betroffen. Zudem grenzt das Projektgebiet an die Schutzzonen von Nopalera del Rosario, San Felipa de León, La Tierra del Faisán und San Juan Teponaxtla.

Die Region La Chinantla ist von der Nationalen Kommission für Naturschutzgebiete als prioritäre Schutzregion eingestuft. Dort wurde das Projekt zum Erhalt des Jaguar durchgeführt. La Chinantla gehört zu den Ökoregionen des Vorhabens Integrale Handhabung von Ökosystemen, das von der Globalen Umweltfazilität (GEF, Global Environment Facility) finanziert wird. Sie beherbergt drei für den Vogelschutz bedeutende Gebiete.

Das Unternehmen stellt sich als Wohltäter der Gemeinden und Förderer eines Umweltschutzplans dar. Dabei verkennt es, dass dieses indigene und kleinbäuerliche Territorium über Tausende von Jahren durch das Volk der Chinantecos bewahrt wurde und sowohl von nationalen wie auch internationalen Umweltinstitutionen als prioritäre Schutzzone angesehen wird. La Chinantla ist ein Beispiel dafür, dass biologische Vielfalt und kulturelle Vielfalt miteinander verbunden sind. Die am besten erhaltenen Ökosysteme fallen mit den organisatorischen Strukturen der Chinanteco-Bevölkerung zusammen. Diese Strukturen beruhen seit mehr als 3000 Jahren auf einer bestimmten Art und Weise, ihr Territorium zu sehen und mit ihm in Beziehung zu stehen.

Der kurze Dokumentarfilm „El pueblo del bosque de niebla“ (Das Volks des Nebelwaldes) erlaubt es, sich diesem Territorium und dem Leben der Chinantecos anzunähern.

Von Ana de Ita*

*Direktorin des Studienzentrums für den Wandel im Mexikanischen Landbau Ceccam (Centro de Estudios para el Cambio en el Campo Mexicano).

Quelle: npla.de

Foto: Ana de Ita

Comments are closed.

Tweet